Philippe Van Parijs: Sprachengerechtigkeit für Europa und die Welt. Synchronisiert wird hier nicht mehr

Veröffentlichung: 
Freitag, 1. November 2013
Medientyp: 
Gemeldet von: 
Lu Wunsch-Rolshoven

Das ist einmal eine ganz andere Theorie der Gerechtigkeit: Philippe Van Parijs sieht im Siegeszug der englischen Sprache schon die egalitäre Weltgesellschaft heraufziehen.(...)

Philippe Van Parijs (...) zieht nicht den Schluss, die Ausbreitung des Englischen solle gebremst werden. Mit guten Gründen hält er ein solches Unterfangen angesichts der lawinenartigen Eigendynamik, die dieser Prozess längst angenommen hat, für ebenso sinnlos wie den Versuch, anstelle von Englisch Esperanto als universales Idiom zu installieren. (...)

Kommentare

Bild des Benutzers Louis von Wunsch-Rolshoven

Van Parijs hat sich nicht unbedingt Freunde gemacht mit seinen Ideen von angeblicher "Sprachengerechtigkeit" via Englisch, die manchmal als etwas absurd angesehen wurden. Was leider in der Presse nicht sehr zu lesen war, ist die Tatsache, dass auch seine Argumentation zu Esperanto sehr zu wünschen übrig lässt.

So behauptet er z. B., das Argument für Englisch bestünde nicht etwa darin, dass die Wahl des Englischen neutraler oder fairer wäre, sondern darin, dass „diese Entscheidung weitaus effizienter wäre“. Englisch sei bereits Muttersprache von einigen hundert Millionen Menschen und Zweitsprache weiterer Hunderter Millionen. Es scheine „ein beträchtliches Ausmaß an Lernanstrengungen und knappen Ressourcen zu sparen, wenn man sich für die englische statt für eine künstliche Sprache entscheidet.“ (S. 90) Das ist schwer nachzuvollziehen angesichts der Tatsache, dass Esperanto in der Regel als weit schneller zu erlernen als das Englische angesehen wird - man braucht etwa ein Viertel der Zeit, die für das Englische nötig ist. Erst dann, wenn bereits drei Viertel der Weltbevölkerung Englisch sprechen würde, würde es denselben Aufwand bedeuten, wenn das letzte Viertel Englisch lernt wie wenn alle Esperanto lernen. In der Wirklichkeit sprechen allerdings selbst nach optimistischsten Schätzungen nur etwa 20 % der Weltbevölkerung auf irgendeinem Niveau Englisch. Damit ist Esperanto in der Summe weitaus günstiger.

Die Tatsache, dass das Englische dennoch einen solchen Aufstieg erreicht hat, liegt sicherlich nicht an dem Gesamt-Lernaufwand, sondern an anderen Faktoren: Schon um 1900 hatten Großbritannien und die USA einen Anteil von etwa 45 % an der Weltproduktion. Das Englische war auch schon damals führende Wissenschaftssprache, mit mehr Veröffentlichungen als das Französische und das Deutsche. Ergänzend hat sich die Bevölkerung der USA im 20. Jahrhundert vervierfacht, von etwa 75 auf etwa 300 Millionen Menschen. Dies alles hat dazu geführt, dass den Sprechern anderer Sprachen, insbesondere den Wissenschaftlern und in der Folge auch den Studenten und den Gymnasiasten nicht viel anderes übrig blieb als Englisch zu lernen. Und da das halt für Schweden, Deutsche, Italiener usw. in gleicher Weise galt, hatten sie damit eine nutzbare Verständigungssprache unter sich - auch bei Abwesenheit von Englisch-Muttersprachlern. Mit Effizienz in der Summe hat das alles gar nichts zu tun, einfach nur mit dem Abfinden mit den Gegebenheiten.

Louis v. Wunsch-Rolshoven
Tel. 0173 162 90 63
(Germanio / Deutschland; el eksterlando: 0049 - 173...)