Gedichte in Esperanto - vorgestellt von Clemens J. Setz in seinem neuen Buch "Die Bienen und das Unsichtbare"

Veröffentlichungsdatum: 
Donnerstag, 5. November 2020
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In seinem vor wenigen Tagen herausgekommenen Buch schreibt Clemens J. Setz über Plansprachen und insbesondere ihre Literatur und Dichtung. Ein Drittel des Buches befasst sich mit Esperanto, das Setz schon bald so weit lernen wollte, dass er Bücher in Esperanto "senvortare" - also ohne Wörterbuch - lesen konnte, wie er in einem Interview mitteilt (vorto - Wort, -aro - Sammlung, vortaro - Wörterbuch, sen - ohne, -e Adverb-Endung).

Clemens Setz ist weit über ein bloßes Verstehen des Esperanto hinausgekommen, er gibt in seinem Buch ein Dutzend Gedichte in Esperanto wieder, die er selbst übertragen hat, oft zwei Mal - wörtlich und als Nachdichtung.

Mehr als hundert Jahre Esperanto-Dichtung

Die Vorstellung der Esperanto-Dichter umfasst eine lange Zeitspanne, angefangen mit einem der ersten Esperanto-Autoren, Kazimierz Bein, der von etwa 1904 bis 1911 aktiv war; dann verließ er die Esperanto-Sprachgemeinschaft überraschend. Sein Pseudonym Kabe existiert fort in dem Esperanto-Verb kabei, ein Spezialwort dafür, dass jemand die Runde der Esperanto-Sprecher plötzlich verlässt.

William Auld. Fünfzig Jahre - fünfzig Bücher

Setz präsentiert auch den Dichter William Auld (1924-2006), der in etwa fünfzig Schaffensjahren ähnlich viele Bücher in Esperanto geschrieben, herausgegeben oder ins Esperanto übersetzt hat; er wurde ein paar Mal für den Literatur-Nobelpreis vorgeschlagen. Setz zitiert u.a. aus dem Epos La infana raso von Auld, eine Geschichte der Menschheit in Versform.

Reisen mit Esperanto

Ein anderer vorgestellter Autor ist der blinde Dichter Vasilij Eroschenko, der 1890 in Russland geboren wurde. Ab 1908 lernte er Esperanto, besuchte England und reiste nach China, Japan, Indien und Thailand, oft mit Unterstützung örtlicher Esperanto-Freunde.

Das Quartett der Frösche

Zu den Klassikern der Esperanto-Literatur zählen die Ungarn Julio Baghy (1891-1967) und Kálmán Kalocsay (1891-1976), die Setz mit drei ihrer Gedichte vorstellt, Rankvarteto (Froschquartett), Sunsubiro (Sonnenuntergang) und Diboĉe (Betrunken).

Rankvarteto ist von der niederländischen Esperanto-Musikgruppe Kajto vertont worden.
https://www.youtube.com/watch?v=Nw6V49hlx98 (mit Text)

... kaj aliaj poemoj. ... und andere Gedichte

Marjorie Boulton ist 1924 bei London geboren. Ihr Gedichtband "Eroj kaj aliaj poemoj" (Stückchen und andere Gedichte, 1959) habe die Esperanto-Literaturgeschichte verändert, schreibt Setz; ihre Gedichte seien zart, würdevoll und unverstellt persönlich.

Aphorismen und ein Übersetzungsfehler

Der Autor Jorge Camacho, geboren 1966 in Zafra in Spanien, Übersetzer bei der EU für Finnisch, Portugiesisch und Englisch, gehört zu den bekannten jüngeren Esperanto-Autoren; er liebt insbesondere Aphorismen und Gedichte mit Wortspielen.

Clemens Setz macht sich über sich selbst lustig und berichtet von einem Übersetzungsfehler, den er gemacht hat: Das Esperanto-Wort vivero bedeutet nicht nur Schleichkatze (auch Asiatische Zibetkatze), sondern als "viv-ero" auch Einzelteil des Lebens, Lebensbruchstück, Lebensbild, kurze Erinnerung (vivo - Leben, -er - Nachsilbe für einen Teil, z.B. sablo - Sand, sablero - Sandkorn).

Kriegs-Nachtbuch aus Kroatien

Ganz begeistert ist Setz von Spomenka Štimec (geboren 1949), die er alljährlich für den Literaturnobelpreis vorschlägt. Allerdings zweifelt er, dass in Stockholm überhaupt jemand Esperanto versteht und ihre Bücher zu würdigen weiß. Vorgestellt wird u. a. das Milita noktlibro von Ŝtimec, Kriegs-Nachtbuch, in dem sie die Erlebnisse der Nächte in Zagreb während des Krieges 1993 verarbeitet. Das Buch wurde in sechs Sprachen übertragen, Japanisch, Deutsch, Französisch, Chinesisch, Isländisch und Englisch, wie die Esperanto-Wikipedia zu berichten weiß.

Die Esperanto-Literatur - noch nicht allgemein bekannt

Bemerkenswert ist, dass die Esperanto-Literatur und -Lyrik sogar bei vielen Sprachenfachleuten unbekannt ist. Der Romanistik-Professor Jürgen Trabant erklärte 2011 in einem Interview für das Goethe-Institut, hinter dem Lateinischen stehe eine große Literatur, die bei Esperanto völlig fehle. Die angeblich fehlende Literatur stellt uns Setz nun im Detail vor.
https://web.archive.org/web/20190204032637/http://www.goethe.de:80/lhr/prj/diw/dos/de7245855.htm

In einem 2012 zuerst herausgekommenen Buch behauptet die französische Philosophin und Philologin Barbara Cassin, seit 2018 Mitglied der Académie Française, Esperanto sei eine absolut künstliche Sprache, die weder Autoren noch Werke habe ("une langue absolument artificielle qui n'a ni auteurs ni oeuvres"); dem ist ganz offensichtlich nicht so. Trotz vielfältiger Hinweise wurde die Textstelle in der Neuauflage 2019 unverändert abgedruckt.
Barbara Cassin. Plus d'une langue. Montrouge (Bayard Culture) 2019. S. 54-56
Englische Übersetzung des Texts auf
https://conversations.e-flux.com/t/the-power-of-bilingualism-interview-with-barbara-cassin-french-philosopher-and-philologist/6252

Ein Sammelband mit Artikeln des Journalisten und früheren Englisch-Dolmetschers Wolf Schneider, herausgekommen bei Rowohlt, enthält einen Text mit der Überschrift "Nachruf aufs Esperanto". Dort behauptet Schneider, Kunstsprachen böten "keine Kinderlieder und keine Verse an, keine Flüche, keine Witze, keine Redensarten"; eine bemerkenswert konzentrierte Anhäufung von fünf Irrtümern. Dies ist ganz offensichtlich falsch. Setz bringt reichlich Beispiele für Verse in Esperanto und einer Reihe anderer Sprachen. Und natürlich gibt es in Esperanto auch Kinderlieder, Flüche, Witze und Redensarten, seit etwa hundert Jahren.
Wolf Schneider. Gewönne doch der Konjunktiv! Reinbek (Rowohlt). 2009, S. 107

Hundert Jahre Esperanto-Literaturgeschichte

Clemens J. Setz hat einen wichtigen Beitrag geleistet, um Esperanto als das zu sehen, was es wirklich geworden ist im Laufe seiner mehr als hundertjährigen Geschichte: Eine lebende Sprache mit einer vielfältigen und teilweise hochstehenden Literatur. Es bleibt zu hoffen, dass das Buch viele Leser findet, Sprachinteressierte und Sprachenfachleute unterschiedlicher Bereiche.

Eine systematische Darstellung der Esperanto-Literatur auf Englisch ist übrigens schon 2008 herausgekommen: Concise Encyclopedia of the Original Literature of Esperanto (Geoffrey H. Sutton). New York (Mondial)

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Gedichte in Esperanto in
"Die Bienen und das Unsichtbare" von Clemens J. Setz

(Übersetzung der Titel zumeist von Setz)

S. 268 Antoni Grabowski. (Fünf Zeilen eines Gedichts; Übersetzung aus dem Englischen, Original von Henry Wadsworth Longfellow)

282 William Auld. Mortanta folio (Ein sterbendes Blatt)

285 Julio Baghy. Aŭtuna foliaro (Herbstlaub)

286 William Auld. (Ein Gedicht ohne Titel) sowie: Novembra Spleno (Spleen im November)

293 Julio Baghy. Rankvarteto (Froschquartett)

297 Kálmán Kalocsay. Sunsubiro (Sonnenuntergang)

300 Kálmán Kalocsay. Diboĉe (Verkatert)

301 Marjorie Boulton. Auszug aus: Imagoj de potencoj (Bilder der Macht)

302 Marjorie Boulton. Vintra aŭroro (Winterdämmerung)

315-317 William Auld. Auszug aus: La infana raso (Die kindliche Rasse)

323 Jorge Camacho. Helpopeto (Hilferuf)

331-337 Baldur Ragnarsson. Sechs Gedichte, (nur) in deutscher Übersetzung von Setz

343 Alexandr Logwin. Birdoj kaj kverkoj (Vögel und Eichen)

358 Jorge Camacho. Ekvilibro (Gleichgewicht)

361 Jorge Camacho. Memorfragmentoj (Erinnerungsbruchstücke)

391 Vasilij Eroŝenko. Orfoj (Waisen)

Prosatexte

289 James Joyce. (Ein Dialog in Esperanto)

382-389 Prosatexte von Spomenka Štimec, (nur) in deutscher Übersetzung von Setz

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