Wie neutral ist Esperanto?

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Zu den Anforderungen an eine ideale internationale Verständigungssprache gehört, daß sie "neutral" sein soll. Das bedeutet zunächst, daß sie niemandes (alleinige) Muttersprache sein darf. Das ist bei Esperanto zweifellos der Fall. (Es gibt zwar eine Reihe Esperanto-Muttersprachler, aber im Vergleich zur Zahl aller Esperanto-Sprecher sind das verschwindend wenige – und sie können meist die Sprache auch nicht besser.) Darüber hinaus ist es wünschenswert, daß die internationale Verständigungssprache von allen Menschen gleich gut erlernt werden kann. Dazu müßte sie "gleichen Abstand" zu allen Sprachen der Welt haben. Diese Forderung ist aber praktisch nicht zu erfüllen.

Indoeuropäische Muttersprachler lernen Esperanto leichter

Wenn die Idealforderung nicht erfüllbar ist, lautet der Kompromiss, dass die internationale Verständigungssprache von möglichst vielen Menschen leicht erlernt werden kann. Deshalb basiert das Vokabular des Esperanto fast ausschließlich auf Elementen der indoeuropäischen Sprachfamilie, denn diese ist die größte und am weitesten in der Welt verbreitete. Die Wortwurzeln des Esperanto stammen sogar zu 75–90% (abhängig von der Zählungsweise) nur aus den romanischen Sprachen. Auch besteht das Esperanto-Alphabet aus 22 Buchstaben der lateinischen Schrift (und aus 6 weiteren mit diakritischen Zeichen wie ^).

Esperanto hat auch nicht-indoeuropäische Eigenschaften

Man kann Esperanto aber nicht einfach als eine europäische (oder gar romanische) Sprache bezeichnen. In einigen Punkten unterscheidet es sich nämlich grundlegend:

  • Es lässt die Wortstämme unverändert (flektiert nicht).
  • Es gibt keine verschmelzenden Wortbildungsteile (Morpheme); alle bleiben unverändert nebeneinander bestehen. Damit ähnelt das Esperanto von der Wortbildung her mehr nichteuropäischen (extrem agglutinierenden bis isolierenden) Sprachen wie Türkisch oder Chinesisch.

Indoeuropäische Lehnwörter

Zudem sind viele Esperantowörter auch in nicht-indoeuropäischen Sprachen bekannt, weil sie als Lehnwörter (meist lateinischen oder griechischen Ursprungs) weltweite Verbreitung gefunden haben.

Was gäbe es theoretisch für Alternativen?

Für eine neutralere internationale Verständigungssprache wurde vorgeschlagen:

  • Sie soll nur Laute enthalten, die in (fast) allen Sprachen der Welt vorkommen.
  • Jede Sprache der Welt soll demokratisch etwa 2 Wortwurzeln beitragen.
  • Ebenso sollen die Regeln für die Wort- und Satzbildung aus möglichst vielen Sprachen stammen.

Ein wenig Nachdenken ergibt, dass eine solche Sprache, wenn sie überhaupt funktionieren könnte, zwar neutraler, dafür aber für alle Menschen (nicht nur Europäer) entscheidend schwerer zu erlernen wäre — nicht gleich leicht für alle, sondern gleich schwer für alle.

Esperanto relativ am leichtesten

Die Nähe des Esperanto zur indoeuropäischen Sprachfamilie entspricht also einem pragmatischen Kompromiss zwischen den konkurrierenden Anforderungen der sprachlichen Neutralität und der leichteren Erlernbarkeit. Den Menschen mit einer nicht-indoeuropäischen Muttersprache kommt das Esperanto auf jeden Fall weiter entgegen als irgendeine europäische Nationalsprache – und auch weiter als die meisten anderen Sprachen (die nicht der selben Sprachfamilie angehören). 

Der bekannte Fantasy-Autor J.R.R. Tolkien vertrat übrigens die Meinung zu Esperanto, dass trotz etwaiger theoretischer Verbesserungsmöglichkeiten von Esperanto, dieses doch ein äußerst ausgewogener Sprachentwurf sei, den es zu unterstützen gilt: My advice to all who have the time or inclination to concern themselves with the international language movement would be: "Back Esperanto loyally." (Quelle: http://donh.best.vwh.net/Languages/tolkien1.html)

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