Geschichte

Druckversion / Printebla versio

Kurzer geschichtlicher Überblick über die Entwicklung der Esperanto-Bewegung in und um Deutschland.

Zuletzt aktualisiert am 09.07.2015.
 

1887: Unter dem Pseudonym “Dr. Esperanto” veröffentlicht Dr. Zamenhof in Warschau das erste Esperanto-Lehrbuch. Nachdem der Druck am 21. Mai von der Zensur freigegeben wird, erscheint das erste Lehrbuch am 26. Juli zunächst in Russisch, dann in Polnisch, Französisch und Deutsch, ein Jahr später auch in Englisch. Die deutsche Ausgabe enthält 931 Wortelemente.

 

1888: In Nürnberg entsteht der erste Esperanto-Klub der Welt. Er geht aus dem bereits 1885 gegründeten Weltsprachverein hervor, der sich ursprünglich für Volapük eingesetzt hatte. Der Vorsitzende des Vereins, Christian Schmidt, gibt 1889 die erste Esperanto-Zeitschrift "La Esperantisto" heraus; der Nürnberger Journalist Leopold Einstein veröffentlicht ein Esperanto-Lehrbuch.

 

1889: Zamenhof gibt ein Adressenverzeichnis mit 1000 Anschriften von Esperanto-Sprechern heraus: 921 sind aus dem russischen Zarenreich, 29 aus Deutschland, 21 sind aus Österreich-Ungarn, 9 aus England, 5 aus Frankreich, je 4 aus den USA und Schweden, 2 aus der Türkei und je 1 aus China und Rumänien (2 sind ohne Adresse).

 

1891: Neue Gruppen entstehen z.B. in München durch Ludwig Emil Meier, in Schalke (Gelsenkirchen) durch Wilhelm Heinrich Trompeter.

 

1903: Der Schweizer Jean Borel gibt in seinem Verlag „Möller und Borel“ in Berlin Lehrbücher und Informationsschriften heraus. Er gründet die Zeitschrift  „Germana Esperantisto - Der Deutsche Esperantist“, die 1934 in "Der Deutsche Esperantist - Germana Esperantisto" umgetauft wird. Borels Lehrbuch erscheint in 10 Auflagen mit insgesamt 100.000 Exemplaren.

 

1905: In 1905 treffen sich 688 Männer und Frauen aus dreißig Ländern im französischen Boulogne-sur-Mer-zum ersten Esperanto-Weltkongress. Eine einzigartige erste Demonstration der Lebendigkeit des Esperanto. Zamenhof verzichtet auf seine Rechte an Esperanto. Die deutschsprachigen Esperanto-Sprecher treffen erste Vorbereitungen, eine Esperanto-Organisation ins Leben zu rufen.

 

1906: Im März gibt Fritz Schuck aus Braunschweig ein Album bekannter Esperanto-Sprecher heraus. Zwei Monate später, am 19. Mai, schließen sich in Braunschweig Esperanto-Sprecher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zur Deutschsprachigen Esperantisten-Gesellschaft zusammen. Vorsitzender ist Dr. Eduard Mybs aus Hamburg-Altona, Sekretär Dr. Julius Hanauer aus Frankfurt am Main. Im Jahre 1909 wird der Name in Deutscher Esperanto-Bund geändert.

 

1908: Den vierten Esperanto-Weltkongress organisieren deutsche Esperanto-Sprecher in Dresden, vor allem Dr. Eduard Mybs, Dr. Albert Schramm, Marie Hankel und Dr. Heinrich Gustav Arnhold. (“La kvaro por la kvara”). Schirmherr ist Friedrich August III., König von Sachsen. Die Theater-Aufführung von Goethes Iphigenie, übersetzt von Zamenhof, wird der Höhepunkt des Kongresses.

 

1911: Arbeiter gründen eine eigene Organisation, den Deutschen Arbeiter-Esperanto-Verband. Der Deutsche Esperanto-Bund hat 179 Ortsgruppen mit insgesamt 4260 Mitgliedern. Daneben gibt es starke Fachverbände.

 

1914: Zum Weltkongress in Paris haben sich über 3700 Esperanto-Sprecher angemeldet. Doch der Kongress findet nicht statt, Europa befindet sich im Krieg. Der Erste Weltkrieg unterbricht den Aufschwung der Esperanto-Bewegung.

 

1917: Am 14. April stirbt Ludwig Zamenhof.

 

1920: In Köln gründet der Journalist - Teo Jung - die später unter dem Namen "Heroldo de Esperanto" weitergeführte Zeitschrift "Esperanto Triumfonta".

 

1923: Die Esperanto-Bewegung in Deutschland ist eine der stärksten der Welt. Es gibt 184 Ortsgruppen des Esperanto-Bundes, 85 Arbeiter-Esperanto-Gruppen und 26 staatlich anerkannte Prüfungskommissionen des Esperanto-Instituts für das Deutsche Reich. Der Weltkongress der Arbeiter-Esperantisten findet in Kassel statt, der allgemeine Weltkongress in Nürnberg mit über 5000 Teilnehmern. Für die ausländischen Gäste war die Reise nach Deutschland wegen der Inflation extrem billig. Aber die deutschen Esperanto-Sprecher leiden stark unter der Geldentwertung, die Bankguthaben vieler Gruppen werden wertlos. Mit Mühe schafft es der Dresdner Verleger Friedrich Ellersiek, die Verbandszeitschrift "Germana Esperantisto" durch die Inflation zu retten.

 

1925: 1925  wird die Eröffnungsrede des Deutschen Esperanto-Kongresses in Magdeburg im Radio übertragen. Postrat Behrendt schlägt darin eine “universelle Universität” vor: Die Vorlesungen werden in Esperanto gehalten und über die neue technische Sensation, das Radio, in alle Welt übertragen.

 

1928: Nach einer Erhebung des Esperanto-Instituts gibt es im Deutschen Reich 441 Esperanto-Gruppen mit insgesamt 8490 Mitgliedern.

 

1933: Fünf  Wochen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten werden alle Arbeiter-Esperanto-Vereinigungen brutal zerschlagen. Während des 25. Esperanto-Weltkongresses in Köln wird der Deutsche Esperanto-Bund gleichgeschaltet. Nur 950 Esperanto-Sprecher reisen zu diesem Kongress nach Deutschland.

Die Tatsachen belegen jedoch auch ein großes Bemühen des Deutschen Esperanto-Bundes, gleichgeschaltet zu werden, einschließlich der Diskriminierung jüdischer und linker Mitglieder:

„Mitteilungen der Geschäftsstelle - 11. [...] Unsere Gruppen können versichert sein, daß von hier aus alles getan wird, um E in die nationale Aufbauarbeit einzugliedern.“
Quelle: Germana Esperantisto, No. 447 (Mai 1933)

„Mitteilungen der Geschäftsstelle - [...] 15. Kriegsschriften. Um jederzeit beweisen zu können, in welchem Umfange E in den Dienst der Nation gestellt worden ist, empfehlen wir den Gruppen, sich eine Sammlung der Kriegs- und ähnlicher Schriften anzulegen.“
Quelle: Germana Esperantisto, No. 448 (Juni 1933)

„Niedriger hängen! - Wie erhielten kurz vor der Drucklegung dieser Nummer aus Mitgliederkreisen die Nachricht, daß ein ungenannter ‘Samideano’ aus Breslau eine Drucksachen-Postkarte an die Bundesgruppen versandt hat, in der er zum Protest gegen die vom Bundesvorstand vorgeschlagene Gleichschaltung des D.E.B. auffordert.“

„Aus dem Schreiben des Herrn Reichsministers des Innern - III 4370/30.5 - vom 13. Juni 1933: ‘Die Gleichschaltung des Deutschen Esperanto-Bundes darf anheimgestellt werden“. Damit ist die Erwartung ausgesprochen, daß die Gleichschaltung des D.E.B. vorgenommen wird [...]“

„Richtsätze für Gleichschaltung der E-Bewegung in Deutschland - [...] 11. Im Führerrat, Beirat und als Obmänner können nur Mitglieder des D.E.B. tätig sein: Nicharier, Marxisten oder Kommunisten sind nicht zugelassen. Personen mit staatsfeindlicher Einstellung können Mitglieder des D.E.B. nicht werden.“
Quelle: Germana Esperantisto, No. 449 (Juli 1933)

„An die Mitglieder des D.E.B. - Mit achtunggebietender Einmütigkeit hat die Hauptversammlung des D.E.B. am 29. VII. in Köln diesen nach den an anderer Stelle abgedruckten Richtsätzen gleichgeschaltet, [...]“
Quelle: Germana Esperantisto, No. 450 - 451 (August - September 1933)

Der DEB wurde mit Schreiben vom 15. Juli 1936 aufgefordert, sich selbst aufzulösen.
Quelle: Lins - Die gefährliche Sprache, S. 111

 

1935: Am 8. Juli verbietet Erziehungsminister Bernhard Rust Esperanto-Unterricht, weil es “den wesentlichen Wert völkischer Eigenheiten schwäche”; ein Jahr danach werden alle Esperanto-Vereinigungen aufgelöst, der Deutsche Esperanto-Bund verboten.

 

1946: Im August und September bilden Esperanto-Sprecher aus Nord- und Westdeutschland eine Arbeitsgemeinschaft. Zusammen mit der Esperanto-Union für die US-Zone planen sie die Wiedergründung des Deutschen Esperanto-Bundes.

 

1947: Am 12. April wird in Frankfurt/M. der Deutsche Esperanto-Bund wiedergegründet, beschränkt auf die drei westlichen Besatzungszonen.

 

1951: Aus der Jugendabteilung bildet sich die selbständige Deutsche Esperanto-Jugend.
Nur sechs Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg richtet der Esperanto-Weltbund in München wieder einen Weltkongress in Deutschland aus.

 

1954: Die UNESCO, die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, verabschiedet auf ihrer Generalversammlung in Montevideo eine Resolution zugunsten von Esperanto und nimmt den Esperanto-Weltbund als Beratendes Mitglied an.

 

1955: Der Deutsche Esperanto-Bund schließt sich auf seinem Kongress in Neustadt/Weinstraße dem Esperanto-Weltbund (UEA) an. Besonders die Arbeiter-Esperantisten sehen dadurch die Neutralität des Deutschen Esperanto-Bundes verletzt und gründen 1956 in Frankfurt/M. den Freien Esperanto-Bund. 

                                                                                                                                                                                                 

1957: Vom 26. Dezember 1957 bis zum 1. Januar 1958 veranstaltet die Deutsche Esperanto-Jugend in Mainz ihr erstes Internationales Seminar (IS) (Heute Internationale Woche – Internacia Semajno). Hier wird nicht über, sondern in Esperanto über aktuelle Themen diskutiert, in Mainz über „Probleme der Europäischen Einigung“. Die Seminare entwickeln sich später zur erfolgreichsten regelmäßigen Esperanto-Veranstaltung in der Bundesrepublik Deutschland mit meist mehr als 300 Teilnehmern aus 30 bis 40 Ländern.

 

1958: In Mainz findet der 43. Esperanto-Weltkongress mit mehr als 2000 Teilnehmern statt. Vorsitzender des Kongresskomitees ist Franz Stein, der Oberbürgermeister von Mainz.

 

1959: Radio Warschau beginnt, regelmäßig Programme in Esperanto auszustrahlen. Heute gibt es mehrere Sendungen täglich.

 

1964: Am 19. Dezember startet Radio Peking seine Esperanto-Sendungen. Die zunächst nur auf Europa gerichteten Sender werden bereits ein Jahr später auch auf andere Regionen ausgerichtet und sind seit 1979 täglich zu hören.

 

1965: Der Weltkongress in Tokio ist der erste in Asien. Gründung des „Zentralen Arbeitskreises Esperanto der Deutschen Demokratischen Republik“ im „Deutschen Kulturbund“.

 

1970: Die „Sennacieca Asocio Tutmonda“ (SAT) gibt das einsprachige Wörterbuch "Plena Ilustrita Vortaro" (PIV) mit einem Umfang von 1300 Seiten heraus. Aus den darin aufgeführten 16.000 Wortstämmen lassen sich etwa 160.000 Begriffe bilden.

 

1973: Das Wissenschaftsministerium in Bonn erhält die zentrale Zuständigkeit für Esperanto im Bereich der Bundesdienststellen.

 

1974: Zum 59. Esperanto-Weltkongresss in Hamburg schreibt Friedensnobelpreis-Träger Willy Brandt an die Teilnehmer, ihr Beisammensein sei “Völkerverständigung im wahrsten Sinne des Wortes”
Die Jugendsektion des Esperanto-Weltbundes TEJO gibt zum ersten Mal die Gastgeberliste Pasporta Servo heraus. In ihr sind Namen und Adressen von Esperanto-Sprechern enthalten, die gerne Gäste aus anderen Ländern bei sich beherbergen. Jedes Jahr erscheint eine neue Liste.

 

1977: Die Esperanto-Verbände in den EG-Ländern beschließen auf dem Welt-Kongress in Reykjavik eine noch engere Zusammenarbeit und gründen die "Eŭropa Esperanto-Unio" (EEU). Auf demselben Kongress hält Amadou-Mahtar M’Bow, der Generalsekretär der UNESCO, die Festansprache.

 

1981: Der erste Weltkongress auf der Südhalbkugel, in Brasilia, zeigt die Stärke des Esperanto in der “Dritten Welt”

 

1983: Im VEB Verlag Enzyklopädie Leipzig erscheint das Wörterbuch Deutsch-Esperanto von E. D. Krause.

 

1985: Beim 70. Esperanto-Weltkongress in Augsburg ist der Bundestagspräsident Philipp Jenninger Vorsitzender des Ehrenkomitees. 
Am 8. November fordert die Generalversammlung der UNESCO auf ihrer 23. Tagung in Sofia ihre Mitgliedsstaaten auf, das 100-jährige Jubiläum von Esperanto zu würdigen und “die Einführung von Studienprogrammen zum Sprachenproblem und zu Esperanto in ihren Schulen und Hochschuleinrichtungen zu unterstützen”

 

1986: Mit 2482 gemeldeten Teilnehmern aus mehr als 50 Ländern ist der Weltkongress in Peking der bisher bedeutendste außerhalb Europas. Er findet große Resonanz unter chinesischen Politikern und in der Öffentlichkeit.

 

1987: Die Esperanto-Sprecher in aller Welt blicken auf 100 Jahre Arbeit zurück und gehen mit Zuversicht in ihr neues Jahrhundert. Bundespräsident von Weizsäcker würdigt die Errungenschaften der Esperanto-Bewegung in einem Grußwort an den Deutschen Esperanto-Bund.
In der Sowjetunion wird der 1937 von Stalin aufgelöste Esperanto-Verband wieder zugelassen.

 

1989: In Berlin fällt die Mauer zwischen Ost- und Westeuropa. Ein Ereignis, von dem auch die Esperanto-Sprecher viele Jahre lang geträumt haben und das die Aktivitäten der nächsten Jahre sehr beeinflussen wird.
Am 15. Dezember wird in Aalen die Deutsche Esperanto-Biblithek eröffnet. Mit mehr als 10.000 bibliographischen Einheiten ist sie die viertgrößte Esperanto-Bibliothek der Welt.

 

1990: Im April gründet sich in der Berliner Humboldt-Universität in enger Absprache mit der Deutschen Esperanto-Jugend in der Bundesrepublik Deutschland ein unabhängiger Esperanto-Jugendverband in der DDR unter dem Namen „Die Esperanto-Jugend”. Er wird Mitglied im “Runden Tisch der Jugend” und erhält einen Büroraum im ehemaligen Gebäude des Zentralrats der FDJ. Am 31. Dezember vereinigen sich die beiden deutschen Esperanto-Jugendverbände zu einer gesamtstaatlichen Deutschen Esperanto-Jugend.

 

1991: Am 19. Mai 1991, genau 85 Jahre nach der Gründung des ersten landesweiten Esperanto-Verbandes, vereinigen sich die deutschen Esperanto-Sprecher in München wieder zu einem gesamtstaatlichen Deutschen Esperanto-Bund.

 

1992: Der Deutsche Esperanto-Bund beteiligt sich erstmals am Bundeskongress des Fachverbandes Moderne Fremdsprachen in Freiburg. Der erste Kongress nach der Vereinigung der beiden deutschen Esperanto-Verbände findet in Schwerin statt.

 

1993: Im Langenscheidt-Verlag erscheint das Wörterbuch Deutsch-Esperanto von E. D. Krause in einer Neuauflage, 10 Jahre nach dessen Erstauflage im VEB Verlag Enzyklopädie Leipzig.
Der internationale Schriftsteller-Verband PEN-Club erkennt Esperanto als Literatursprache offiziell an.

Deutsch