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IS-Erinnerungen

Das erste Internacia Seminario fand 1957 in Mainz statt und hatte ungefähr 50 Teilnehmer aus 6 Ländern. Viel hat sich seitdem geändert.
Wir haben ehemalige Teilnehmer gebeten ihre Erinnerungen an das Treffen zu schildern:

Aus dem Archiv des Büros der <UEA> in Rotterdam (übersetzt aus dem Esperanto)
An die Redaktion von mehreren Esperanto-Zeitschriften und Radioprogrammen und an einige Personen
Sehr geehrte Damen und Herren,

anläßlich der 14. Internationalen Woche, die von der Deutschen Esperanto-Jugend in der Jugendherberge Ulm a. d. Donau organisiert wurde, hat eine großer Teil der Teilnehmer ausführlich das Problem der Unterdrückung etnischer Minderheiten diskutiert, im Besonderen das der Basken. Nachfolgend die Resolution, die an das spanische Staatsoberhaupt Franco y Bahamonde und an den Provinz-Gouverneur von Burgos in kastilischer Sprache telegrafiert wurde und per Express dem spanischen Botschafter in Bonn auf deutsch übersandt wurde:

"Wir, die Unterzeichnenden, die an der Internationalen Woche von jungen Esperantisten in Ulm a. d. Donau (Bundesrepublik Deutschland) teilgenommen haben, haben mit äußerster Empörung das Urteil über die sechzehn Basken im Prozeß von Burgos vernommen. Wir haben das Problem der Unterdrückung von etnischen Minderheiten ausführlich erörtert, besonders das Schicksal der Basken, Katalanen und Galizier in Spanien. Wir stellen fest, daß die Gesetze, auf denen die Anklage und der Schuldspruch basieren, gegen die Menschenrechte verstoßen. Deshalb protestieren wir energisch gegen die Art der Durchführung des Prozesses und die unmenschlichen Strafen, die einer zivilisierten Gesellschaft absolut unwürdig sind.

Ulm, 29. Dezember 1970
Wim Jansen, José Pinto de Sousa, Uwe Joachim Moritz und 31 Unterzeichner aus 10 Ländern"

Ich befürworte die Verbreitung dieser Resolution in der Esperanto-Bewegung, ob in Zeitschriften oder Radiosendungen oder durch mündliche Verbreitung.

Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Uwe Joachim Moritz

Grüße aus Belgien:
Liebe IS-Teilnehmer,
meine ersten beiden Treffen waren Internationale Wochen. Ich war gerade mal 16 Jahre alt und konnte diese merkwürdige Sprache nicht, die ich von meiner Mutter kannte. Aber um alleine reisen zu dürfen fand ich einen Ausweg: Ich versprach Esperanto zu lernen und durfte zum IS mitfahren.

Zehn Antwerpener (unter ihnen zwei kleine Kinder) reisten '72 zusammen nach Darmstadt. Sechs von ihnen sind noch aktiv. Eine schüchterne Anfängerin war ich. Die jüngste zu dieser Zeit und noch nicht erfahren.

Wenn ich mich richtig erinnere, haben ungefähr 60 Personen teilgenommen, von denen nur zwei Leute echte Anfänger waren. Natürlich versuchte ich beim Essen mit meiner Cousine niederländisch zu sprechen, aber schon kam Helmut. Er nahm mich und verfrachtete mich zwischen zwei Ausländer und im Handumdrehen saß ich da und benutzte zehn von den fünf Wörtern, die ich kannte um Essen zu bekommen. Das zweite Problem: Der Boiler des Knabenzimmers explodierte und die Jungen mussten in unserem Zimmer schlafen. Es waren halt andere Zeiten: Wir waren nicht so frühreif. Aber es dauerte nicht lange, wir lernten schnell. Am zweiten Tag hatte ich einen Freund. Er sprach perfekt Esperanto und übersetzte nie sondern versuchte ständig, die Wörter zu umschreiben. Die Liebe hilft sehr beim Sprachenlernen. Am Ende der Woche wollte ich nicht mehr heimfahren. So viele neue Freunde. Das war der Beginn von 15 aufeinanderfolgenden ISs. Jetzt fährt meine Tochter das erste Mal zum IS um die Tradition fortzuführen.

Und diese merkwürdige Sprache, die ich nicht lernen wollte, weil es eine seltsame Eigenheit meiner Mutter war, wurde zu einer der Muttersprachen meiner Kinder und zu meiner Arbeitssprache seit mehr als 25 Jahren.

Glückwünsche an das IS-Team,
Viel Spaß beim 50. IS,
Herzlichst,

Gerd
(für Deutsche: das ist ein Frauenname)
IS - Das Treffen, das nie schläft

Meine IS-Zeit reicht vom 19. IS in Cuxhaven (1975/76) bis zum 35. IS (1991/92), das auch in Cuxhaven stattgefunden hat. W�hrend dieser 17 Jahre konnte ich miterleben, wie das IS die Nacht erobert hat.

Zu Beginn, also 1975, schliefen fast alle Teilnehmer schon um Mitternacht, oder sie lagen zuminderst im Bett aus Mangel an Alternativen. Die Silvesternacht war natürlich eine Ausnahme. Gew�hnlich waren nach Mitternacht noch 10 oder allenfalls 20 Leute wach und tranken den Esperantowein, den Hans-Dieter Platz, der DEJ-Kassierer, immer aus St. Martin in der Pfalz mitbrachte. Er verkaufte seinen Spezialwein für 3 DM pro Liter, eine Gute Basis für die nächtliche Feier.

Während der Trinkpausen lernten wir fleißig dänische Volkst�nze, weil einer in unserer Gruppe, Christian aus Dänemark, auf jedes Treffen Platten mit dänischer Volksliedern mitbrachte. Christian konnte mit lauter Stimme und mitreißend die Schritte erklären, die dann in der der Eingangshalle der Jugendherberge getanzt wurden.

Während der Pausen erzählten uns die erfahreneren IS-Teilnehmer, dass so ein nächtliches Treiben ein paar Jahre zuvor noch unvorstellbar gewesen sei...
Der restliche Teil wird in einer kleinen Ausstellung auf dem IS zu lesen sein.

Thomas Bormann (DEJ-Vorsitzender 1984-88)
Mein erstes IS war das 9., das in der Jugendherberge in Hamburg-Horn 1965/66 stattgefunden hat. Das war also noch lange vor der La-Bamba-Zeit. Zur Teilnahme animiert hat mich Brian Moon, den ich im Sommer 1965 in London kennengelernt hatte. Ich war 17 Jahre alt, gehörte also zu den jüngsten Teilnehmern; Sprachprobleme hatte ich nicht, weil ich Esperanto-Muttersprachler bin. Es war das größte IS zu dieser Zeit mit mehr als 110 Teilnehmern aus drei Kontinenten. Das offizielle Thema war "Er und Sie". Besonders hervorzuheben sind die Vorträge von Michael Zeilinger - "Kio estas amo" (Was ist Liebe) und "Ĉu amo estas lernebla" (Ist Liebe lernbar). Leider kann ich mich nicht mehr an Einzelheiten erinnern. Auch erwähnenswert ist der Vortrag von Dr. Ivo Lapenna "Juraj aspektoj de internaciaj geedziĝoj" (Juristische Aspekte internationaler Ehen) - dem ich Jahre später ein weiteres Kapitel beigefügt habe - und der Vortrag unseres indischen Freundes Ashvinikumar.

In den frühen Jahren fand das IS beinahe immer in Jugendherbergen statt, die ganz andere Umstände mit sich brachten: Oft gab es 6- bis 8-Bettzimmer, die Haustür wurde um 22 Uhr geschlossen und die Bemühungen, die Geschlechter zu trennen, waren sehr strikt, aber trotzdem erfolglos. Auch das Alkoholverbot wurde umgangen. In einigen Jugendherbergen schaltete der Herbergsleiter von seiner Zentrale aus um 23 Uhr in allen Zimmern das Licht aus. Solche Bedingungen bewegten uns dazu liberalere Häuser zu suchen.

Für mich war die Teilnahme am IS ein wichtiger Teil meines Lebens, weil es nur hier und beim IJK möglich war, die Freunde zu treffen, mit denen man das ganze Jahr über eine Menge von Briefen austauschte.

Ich hoffe, dass mein Sohn bald auch am IS teilnehmen wird. Eines der nicht-offiziellen Hauptthemen wird sicherlich weiterhin "Er und Sie" sein, insofern hat sich in 50 Jahren nichts geändert.
Helmut Klünder (DEJ-Vorsitzender von 1970 bis 1974)
Von den vielen ISs, an denen ich erst als Teilnehmerin und später im Organisationsteam teilgenommen habe, kann ich mich nur an Momentaufnahmen, nicht an genaue Einzelheiten erinnern. Aber der schönste Augenblick war für mich das IS 89/90 in Neumünster (später das sogenannte "Neumünster 1"), bei dem ich das Organisationsteam leitete. Das war gleich nach der Öffnung der deutsch-deutschen Grenze. Viele Esperantisten aus der damals noch existierenden DDR meldeten sich plötzlich für das IS an - oder sie kamen einfach ohne sich anzumelden. Obwohl die Jugendherberge viele Betten hatte, war sie schon rappelvoll und so besorgte der Herbergsleiter Betten vom Deutschen Roten Kreuz, die wir im Keller aufstellten. Dort konnte auch Essen gekocht werden, denn viele Teilnehmer aus der DDR konnten sich auch einen geringeren Preis für Unterkunft und Verpflegung einfach nicht leisten. Es war wirklich ermutigend zu sehen, wie begeistert das gesamte Herbergsteam über das plötzliche Anwachsen der Teilnehmerzahl (und den Grund dafür) war. In dieser internationalen Stimmung einmal nicht nur ausländische Gäste, sondern auch Landsleute begrüßen zu können, die zum ersten Mal zum IS im anderen Teil desselben Landes reisen durften - das war eine unglaubliche Freude!

Dagmar Schütte (KKRen-Leiterin des IS 1987/88 in Hannover, 1988/89 in Traben-Trarbach und 1989/90 in Neumünster - wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht)

Auf dem IS 1994/95 gab es lange Diskussionen welches der beiden Büros in Bonn und Berlin behalten werden sollte. Für mich war die Öffentlichkeitsarbeit für das IS wichtiger, für die ich zum ersten Mal zuständig war (und ich war auch zum ersten mal im Vorstand mit diesem Amt). Es meldete sich ein Team von RTL an. Schon am Nachmittag kamen die zwei Techniker und die Reporterin an. Und sogleich hatten wir ein kleines Problem: Sie wollte das typische IS-Silvesterfest für die Nachrichten um 18:45 zeigen, aber um die Uhrzeit hatte das Fest noch nicht angefangen. Ich trommelte also die Teilnehmer im großen Saal zusammen, besorgte einige Sektflaschen aus der Bar und ließ das Fest beginnen.

Der conférencier des Abends sollte Attila Kaszasz ein, ein sympathischer Ungar, den ich sich dem Anlaß entsprechend anziehen ließ. Außerdem hatten wir den kleinen Sergej. Wir warteten bis zum Moment der Livesendung aus Köln. Ursprünglich wollte man uns mehr als zwei Minuten Sendezeit geben, aber wegen des Tschetschenienkrieges schrumpfte diese Zeit auf weniger als eine halbe Minute.

Das Ergebnis? Später, in der Vorstandssitzung im Januar sahen wir ein Video der Nachrichten des 31. Dezembers. Am Ende gab es zwei kurze Beiträge, zuerst über die Vorbereitungen in einem Luxushotel in New York, der zweite Beitrag über das IS. Man sieht keinen Ziko, der sich seiner Untauglichkeit für das Fernsehen bewußt ist, nur die Reporterin, die vor dem Hintergrund einer feiernden Esperanto-Jugend eine kleine Einleitung spricht und Sergej zu seiner Meinung befragt. Wahrscheinlich hat niemand verstanden, was er fröhlich rief, aber Attila übersetzte netterweise auf die Bitte der Reporterin hin: "Är findät das Isoh ainfach toooll." Das war also die Botschaft, die wir der Menschheit überbringen wollten. Perfekte Öffenlichkeitsarbeit.

Ziko van Dijk (nask. Sikosek)

1972 begann ich, Esperanto zu lernen, als ich vom Alter her schon nicht mehr für das Internacia Seminario (IS) infrage kam. Aber da das IS damals, d.h. ab 1979/80, zusammen mit dem Internacia Festivalo (IF*) stattfand, konnte ich mit meiner Tochter Gudrun (geb. 1973) zu dieser gemeinsamen Veranstaltung fahren. Nie werde ich den Silvesterball in Sensenstein (1980) vergessen: Inmitten einer fröhlichen Gruppe von Esperantofreunden aus so vielen verschiedenen Ländern stellte ich zu meiner großen Freude fest, dass hier eine vereinte Menschheit im Kleinen verwirklicht war. Damals nahm ich mir fest vor, die Esperantogemeinschaft niemals zu verlassen. Inzwischen ist die Idee des Esperanto schon lange ein Teil meiner Persönlichkeit. – Die gemeinsame Zeit des IS und IF endete übrigens 1986 beim 30. IS in Köln, seitdem ist das IF ein eigenständiges Treffen.

* Anm.: IF = Internacia Festivalo, Treffen für "Mittelalterliche", insbesondere Familien

Rudolf Fischer, Vizepräsident des Deutschen Esperanto-Bundes

Weitere Erinnerungen folgen ...