Chancenlos

Esperanto fristet in vielen deutschen Firmen den Status eines Hobbys der Angestellten

Esperanto und Beruf: Zwei unvereinbare Gegensätze? Obwohl ich bei meiner Recherche auf überwiegend positive Resonanz gestoßen bin, Esperanto ist und bleibt ein Randthema in der Berufswelt. Esperanto als Sprungbrett für die eigene Karriere? Eher unwahrscheinlich. Die Vorteile des Esperanto scheinen sich noch nicht bis in die Vorstände und Chefetagen der großen Firmen herumgesprochen zu haben. Nach wie vor dominieren Nationalsprachen, wie Englisch und Französisch.

Ein Beispiel für die Unwissenheit der Personalabteilungen findet sich bei der Frankfurter Rundschau. Hier sind in den letzten zehn Jahren nur sehr wenige Artikel zum Thema Esperanto erschienen. Sie wurden alle von freien Mitarbeitern der Frankfurter Rundschau verfasst. Aus diesem Grund war es auch trotz umfangreicher Bemühungen von Mitarbeitern der Personalabteilung nicht möglich, mir weiterzuhelfen. In der Regel hieß es: “Wir wissen von der Existenz von Esperanto, haben jedoch bisher weder Esperanto als Sprache gehört, noch haben wir genug Informationen, um uns darüber eine objektive Meinung zu bilden.” Esperanto falle bei der Frankfurter Rundschau in den Bereich der Freizeitbeschäftigung der Mitarbeiter. Esperanto spiele in den Redaktionen, wenn überhaupt, eine sehr geringe Rolle, und so konnte letzten Endes nicht eindeutig geklärt werden, welche Möglichkeiten es bei dieser Zeitung gibt, die Internationale Sprache Esperanto und den Beruf des Redakteurs miteinander zu verbinden.

Auch beim Südwestfunk spielt Esperanto eine sehr geringe Rolle. Innerhalb der vergangenen zwanzig Jahre liefen zum Thema Esperanto drei Sendungen: Zwei Sendungen davon im September 1983 und eine davon im Jahre 1990. Berichte in Esperanto hat es dagegen bisher noch nicht gegeben, da nur ein sehr geringer Teil der Mitarbeiter des SWR über ausreichende Sprachkenntnisse des Esperanto verfügt. So wird auch hier Esperanto im Allgemeinen als Hobby der Mitarbeiter und weniger als Hilfsmittel zur Erleichterung der internationalen Kommunikation gesehen.

In den Personalabteilungen der großen Zeitungen und Rundfunkanstalten wird Esperanto nur geringe Aufmerksamkeit zuteil. Wie die Esperantisten selbst die Rolle von Esperanto in ihrem Berufsleben sehen, beschreiben Bernhard Maurer und Franz Kruse:

Bernhard Maurer, 57 Jahre alt, hat einen Großteil seines Lebens der Internationalen Sprache Esperanto gewidmet. Anfang der Sechzigerjahre stieß er zufällig auf Esperanto, nachdem er bereits an anderen Sprachen gescheitert war. Mit Hilfe des von Hermann Behrmann entwickelten Selbstlernprogramms “Esperanto programita” verbesserte er so schnell seine Kenntnisse. 1976 lernte er durch Behrmann Pasporta Servo kennen und reiste damit einige Jahre später nach Tokio. Maurer war auf einer Vielzahl von Esperantotreffen im In- und Ausland, darunter auch auf zwei Weltkongressen.

Maurer arbeitet bei der Firma Siemens in Erlangen. Seine Arbeitskollegen dort wissen meistens, dass er Esperanto spricht. Das liegt zum einen daran, dass Maurer auf seiner persönlichen Homepage eine Reihe von Informationen über Esperanto hat, zum anderen an seinen persönlichen Erzählungen. Die Reaktionen seiner Mitarbeiter sind unterschiedlich. Sie reichen von totaler Ablehnung, ohne Informationen darüber zu haben, bis zu großem Interesse. Einige Kollegen begrüßen ihn sogar mit “Saluton, sinjoro Maurer”. Da Maurers Adresse im UEA-Jarlibro verzeichnet ist, hat er einen Mitarbeiter eines brasilianischen Kundens kennen gelernt. Sein Fazit: Durch Esperanto lebt er intensiver als “Otto-Normalverbraucher”.

Franz Kruse, 51 Jahre alt, lebt mit seiner Ehefrau und seinen drei Kindern Michael, Gesa und Anja in Lemwerder in der Nähe von Bremen. Genauso wie Bernhard Maurer, so ist auch Franz Kruse durch einen kostenlosen Test von “Esperanto programita” in den Sechzigerjahren auf Esperanto gestoßen. Er war 1976 bis 1982 Bundesvorsitzender der Deutschen Esperantojugend. Kruse, der Informatik in Darmstadt studiert hat, arbeitet als Softwareingenieur bei der Firma Astrium in Bremen im Raumfahrtbereich. Astrium ist Teil des DaimlerChrysler-Konzerns, der als Konzernsprache Englisch hat. Der Hauptauftraggeber von Astrium ist die europäische Raumfahrtbehörde ESA. Überhaupt ist der gesamte Raumfahrtbereich Englisch dominiert, allerdings mit gewissen Einschränkungen: Französisch ist einerseits neben Englisch eine der offiziellen Sprachen der ESA, andererseits spielt es in einigen Bereichen, z. B. bei der Ariane, eine größere Rolle, so dass dort Französischkentnisse erwünscht sind.

Kruses Kollegen wissen von seinen Esperantokenntnissen. Er wird aber eher selten darauf angesprochen. Dies liegt vermutlich daran, dass die meisten seiner Mitarbeiter sprachlich völlig uninteressiert sind, sicher gestützt durch die Alltagserfahrungen in seinem beruflichen Umfeld, dass die Welt weitestgehend englisch ist. Natürlich gibt es auch einzelne Ausnahmen.

Grundsätzlich sei die Reaktion somit also weder positiv noch negativ, sondern eher desinteressiert. Nach Kruses Erfahrungen ist die Vorstellung von Esperanto, die in den Köpfen der Leute stecke, sehr schwammig und naiv. Wenn Leute ihn beispielsweise am Telefon zufällig Esperanto sprechen hören, seien sie oft völlig überrascht, “dass man das ja richtig sprechen kann”. In seiner Firma hat Kruse zweimal zufällig geschäftliche Besucher getroffen, die Esperanto sprechen - einen Mitarbeiter einer norwegischen Partnerfirma und einen Mitarbeiter der ESA.

Esperanto und Beruf? Vernichtendes Fazit meinerseits: Die Vorteile von Esperanto bei internationalen Kontakten und beim Kennenlernen von ausländischen Freunden haben sich noch nicht bis in die Vorstände der Unternehmen herumgesprochen. Mir ist es einfach unverständlich, warum in Funk und Fernsehen das Thema Esperanto, bis auf wenige Ausnahmen, totgeschwiegen wird, obwohl doch die Vorteile der Internationalen Sprache so offensichtlich sind.

Stephan Mayer

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