Mein erstes IS

Mit etwas gemischten Gefühlen stand ich am 27.12. am Rotenburger Bahnhof, unsicher, was mich erwartete. Esperanto war mir trotz mehrmonatigem Unterricht noch ein wenig suspekt. Konnte sich die Sprache auch außerhalb der Theorie, im natürlichen, alltäglichen Gespräch bewähren? Wirkte die Konversation nicht hölzern und gekünstelt? Die Bezeichnung "künstliche Sprache" hatte für mich noch immer einen komischen Beigeschmack, und weckte unangenehme Assoziationen mit Kunstrasen und Beinprothesen.

Und schließlich die wichtigste Frage: Beherrschte ich Esperanto nach so kurzer Zeit wirklich schon gut genug, um an einer solchen Veranstaltung teilzunehmen? Ich war froh, dass ich mit einem Freund zusammen anreiste.

Meine Bedenken und Vorbehalte stellten sich bald als völlig unnötig heraus. Schon am nächsten Abend war ich in der Lage, stundenlange Gespräche zu führen, ohne viel überlegen zu müssen, wie ich was nun eigentlich sagen soll, und nach einigen Tagen kam mir die Sprache so automatisch über die Lippen, dass ich erst nach mehreren Minuten merkte, dass ich nicht deutsch, sondern Esperanto sprach.

Ich bin sehr froh, dass ich diesen Ausflug ins "Esperantujo" (Esperantoland) gewagt habe. Mit Begeisterung stellte ich fest, dass der Tagesablauf meinem Biorhythmus perfekt angepasst war und dass Esperantisten nicht nur sehr offen und gesprächig, sondern auch sehr tanzfreudige Menschen sind, mit denen man ausgezeichnet Spaß haben kann. Auch das Programm gefiel mir sehr gut. Eine bunte Mischung aus teilweise erstaunlich interessanten Vorträgen, toll organisierten Ausflügen und Unterhaltung (Musik, Magier, Auktionen und vieles mehr). Ich denke, wenn überhaupt Kritik geübt werden kann, dann an einigen wenigen Menschen, die auf einer Veranstaltung für Jugendliche offensichtlich fehl am Platze waren, und aus einem unerfindlichen Grund in IS statt "Internacia Semajno" "Inoffizielle Singlebörse" hineininterpretiert haben. Zum Glück konnte man diese an einer halben Hand abzählen.

Nagxposttagmezo Es gibt vieles, was mir sehr gefallen hat, doch eine Sache, die mich wirklich tief beeindruckte, war die Stimmung, die dort herrschte. Eine absolut unbeschreibliche Atmosphäre, die entsteht, wenn über 300 Menschen aus 30 verschiedenen Nationen und aus allen Gesellschaftsschichten für eine Woche zusammen in einem Gebäude leben, offen aufeinander zugehen, miteinander diskutieren, miteinander feiern oder auch einfach nur bei einem Getränk in der Bar zusammensitzen. Und die Tatsache, dass durch Esperanto so etwas möglich wird, hat mich im Endeffekt ganz für diese Sprache gewonnen.

Esperanto ist keineswegs nur eine vage Idee, am Leben gehalten von einigen weltfremden Eierköpfen und versponnenen Idealisten, sondern eine sehr lebendige Bewegung mit einer interessanten Geschichte und einer facettenreichen Kulturszene, die sich aus Rockbands, Theatergruppen, Filmen und einer vielfältigen Literatur zusammensetzt. Es ist auch eine Möglichkeit, einmal über den Tellerrand zu schauen und mit interessanten und interessierten Menschen aus aller Welt viel Spaß zu haben. (Mit Menschen übrigens, bei denen man im Urlaub kostenlos übernachten kann, hehehe.)

Das IS bietet eine hervorragende Gelegenheit, genau diese Aspekte des Esperanto kennenzulernen, die, seien wir mal ehrlich, viel aufregender sind als die perfekte Regelmäßigkeit ihrer Grammatik.

Für alle, die nicht so empfinden, ist die Akademio de Esperanto eine sehr empfehlenswerte Adresse.

Zsuzsa Pavelka

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