8. Esperanto-Kulturfestival in Helsinki, Finnland, 16.-23.07.2005
(es berichtet Gunnar Fischer,
djkunar at yahoo.com)
Vom 16. bis 23.07. fand in Helsinki, Finnland das 8. Esperanto-Kulturfestival Kultura Esperanto-Festivalo, KEF statt. Nachdem man es bisher geschafft hatte, seit 1986 alle 2-3 Jahre in Schweden, Dänemark oder zuletzt Finnland ein KEF zu organisieren, waren inzwischen 5 Jahre seit dem letzten Mal vergangen. Das zentrale Anliegen ist den Interessierten eine Veranstaltung zu bieten, bei der die Esperantokultur im Mittelpunkt steht. Die Teilnehmer genießen ein reichhaltiges Programm aus Musik, Theater und Literatur, abgerundet durch Vorträge und Diskussionsrunden rund um Esperantokultur. Für Künstler stellen solche Kulturveranstaltungen ein Forum dar, auf dem sie sich einem interessierten Publikum zeigen, Kontakte mit Gleichgesinnten finden und sich mit Kollegen austauschen können. Wichtig für die Inspiration ist nicht zuletzt die rein esperantosprachige Umgebung eines solchen Treffens.
 |
| Foto von Russ Williams |
Mit ca. 100 Teilnehmern war das KEF diesmal deutlich kleiner als beim letzten Mal, als es etwa 200 Personen waren. Eine Ursache könnte in der relativ wenigen und spät begonnenen Werbung liegen oder an der großen Konkurrenz von Veranstaltungen in diesem Sommer. An der Organisation konnte es jedenfalls nicht liegen; auch an der Qualität und Dichte des Programms gab es nichts auszusetzen.
Diesmal stand die Musik ganz im Mittelpunkt. So gab es jeden Tag zwei Konzerte. Dabei traten einige altbekannte Größen auf wie Esperanto Desperado aus Dänemark mit Ska und Weltmusik, JoMo & Liberecanoj aus Frankreich mit einer Mischung aus Rock und russischer Folklore und die ursprünglich aus Kasachstan stammenden Liedermacher ¬omart & Nataþa, zeitweise unterstüzt von Tochter Karina. Martin Wiese aus Schweden präsentierte in einem Soloprogramm viele bekannte Stücke seiner äußerst erfolgreichen Rockband Persone.
Einen echten musikalischen Leckerbissen stellten die südamerikanischen Musiker dar, welche sonst in Europa selten Konzerte geben: Flávio Fonseca aus Brasilien spielte Jazz, während Alejandro Cossavella aus Argentinien zunächst alleine Reggae vortrug und später in voller Bandbesetzung mit seinem Repertoire von „La Porkoj“ dem Publikum einheizte.
Auch das Land der Gastgeber war musikalisch gut vertreten: Dolchamar gaben ein rockiges und ein akustisches Konzert, während Timo Väänänen auf einem traditionellen finnischen Musikinstrument Volksmusik und - elektrisch verstärkt - Experimentalmusik erklingen ließ, welche an die progressive Welle der 1970er erinnerte. Vor der Kulisse des Naturschutzgebietes auf der Insel Lammassaari trat ein finnischer Schamane auf, während bei einem Opernabend die professionelle Sopranistin
Liisa Viinanen Esperanto-Übersetzungen verschiedener Stücke sang.
Tagsüber gab sie den Teilnehmern Stimmübungen, während Dolchamar-Sänger Patrik Austin eine Popmusik-Arbeitsgruppe leitete und Anja Karkiainen erklärte, was es bei der Übersetzung von Liedertexten zu beachten gilt. Zahlreiche Musiker und Autoren berichteten über ihr Schaffen oder wurden - falls nicht selbst anwesend - vorgestellt. Andere Präsentationen befaßten sich z.B. mit Esperanto in Filmen, Esperanto-Rocklyrik oder der Entwicklung der Esperantomusik seit 2000. Der Katalane Arnau Torras Tutusaus bot die Woche über seine Comicalben an und ein unter dem Pseudonym „Duplustro“ arbeitender Finne kommentierte täglich auf einer Seite satirisch die Geschehnisse während des KEF.

Wie zahlreiche Zeitungsartikel, Radiointerviews und ein Fernsehauftritt belegten, hatten die Veranstalter eine gute Pressearbeit geleistet und zudem für eine gute Außenwirkung gesorgt. So hingen in ganz Helsinki Plakate mit den Konzertdaten und Programme auf Finnisch lagen bereit. Das Abendprogramm fand meistens nicht im Kongressgebäude, sondern im Club Liberté statt. Dieser bot gleichzeitig Kneipe, Bühne und Tanzfläche und lockte jedesmal einige Dutzend Außenstehende an, welche bei den Konzerten begeistert mittanzten und zum Teil sogar am Esperanto-Karaokeabend aktiv teilnahmen. Bis zur Sperrstunde um 2 Uhr legten jede Nacht Esperanto-DJs aus 5 verschiedenen Ländern auf.
Wie immer beeindruckte, wie selbstverständlich auf dem KEF Menschen aus verschiedenen Altersgruppen und Künstler unterschiedlichster Musikrichtungen miteinander auskommen, die Internationalität ist man als Esperantosprecher schon quasi gewohnt. Doch gab es auch ein Novum: Hatte noch beim letzten Mal jeder sein eigenes Repertoire präsentiert, übernahm hier munter der eine vom anderen; gemeinsam standen oft Musiker aus einem halben Dutzend Ländern, Gruppen und Stilrichtungen auf der Bühne.
Diese Kontakte und der Austausch untereinander sind es, die das KEF nach wie vor zu einem unentbehrlichen Ereignis für die Esperantokultur machen.
Zugleich stellen derartige Veranstaltungen eine hervorragende Werbung für Esperanto dar. Durch das positive Auftreten einer internationalen Runde mit einem Programm, welches auch Außenstehenden Freude bereitet und auf direkte Weise die Lebendigkeit der Sprache zeigt. Zudem sollte man auch die Nachwirkung eines solchen Festivals nicht unterschätzen: In der Vergangenheit wurden durch das KEF viele neue Projekte ins Leben gerufen, angefangen von der Rockband Persone bis hin zu zahlreichen CDs der letzten Jahre. Bleibt zu hoffen, daß das 2006 zum zweiten Mal stattfindende Esperanto-Kunst- und -kulturfestival (Kultura Arta Festivalo de Esperanto, KAFE) in Toulouse (Frankreich) sich zu einem südeuropäischen Äquivalent des skandinavischen KEFs entwickelt.
Weitere Infos gibt‘s unter
http://kafe2006.free.fr.
KEF 2005 mit Fotogalerie, Vorstellung der Künstler siehe
www.esperanto.fi/kef2005