deutsche esperanto-jugend — Germana Esperanto-Junularo

esperanto.de > DEJ > Verein > /·kune·/ > Interview

/·kune·/ 4/04 – Interview 25 Jahre Kune

Thomas Bormann gründete sie 1979 unter dem Titel GEJ-gazeto. Fünf Jahre, bis 1984, war er der Chefredakteur. Von 1984 bis 1988 war er Vorsitzender der Deutschen Esperanto-Jugend. Heute ist er Ehrenmitglied.

Im Gespräch mit Stefanie Hanisch erzählt Thomas vom DEJ-Leben der frühen 80-er Jahre - ohne Internet und Handy -, von den Beziehungen zur DDR und seiner Beziehung zu Esperanto heute.

Wie alt warst du, als du kune gemacht hast?
Ich war 20 als die erste GEJ-Gazeto erschien, der kune-Vorläufer.
Ja, der Name war anders ...
... und führte früh zu Missverständnissen. Damals entwickelte sich gerade in der Esperanto-Bewegung eine Schwulenszene. Und als die hörten, jetzt gebe es eine "GEJ-gazeto", waren die sehr begeistert. Später allerdings ernüchtert, als sie merkten, dass GEJ auch eine Abkürzung ist und nicht nur der neologismo für "schwul".
Wer war am Anfang dabei?
Franz Kruse, damals prezidanto, schrieb Artikel über Wichtiges aus dem Vorstand; Elisabeth Kuhl lieferte Infos über Treffen; und ich machte den Rest. Eigentlich gab es letztlich keine Redaktion, sondern die ganze Post lief bei mir zusammen; alle zwei Monate habe ich mich dann mit ein paar Aktiven getroffen, um an einem Wochenende die Zeitung zu machen: schreiben, teils abtippen, drucken, verschicken - oft im Tag-und-Nacht-Betrieb.
Abtippen, war das mit dem Composer?
Ja. Der Composer sah aus wie eine aufgeblasene Schreibmaschine und kostete rund 15.000 D-Mark! Zu bedienen wie eine Schreibmaschine, in Wirklichkeit aber eine höllisch kompliziertes mechanisches Gerät. Was man damit tippte, sah aus wie gesetzt für ein Buch, also sehr professionelles Schriftbild.
Ihr habt sicher auch viel telefoniert, oder?
Oh, wir haben viiiel telefoniert. Es gab ja noch keine E-Mails, keine SMS, nicht einmal Faxgeräte. Im Nachhinein kommt mir das steinzeitmäßig vor. Aber wir fühlten uns damals durchaus sehr modern.
Wo war das? In deiner Wohnung?
Von 1979 bis 1982 haben wir die Zeitung im Esperanto-Centro Paderborn gemacht: Ich bin von Hamburg aus hingetrampt, Andreas Münchow von Hannover und andere Helfer kamen aus dem Ruhrgebiet.
Ich hab mich dort gleich auf den Composer gestürzt und Artikel geschrieben. Wenn ich dann eine Seite fertig layoutet hatte, hab ich sie Andreas gegeben. Der hat im Nebenzimmer Matrizen draus gemacht und dann mit der Offset-Maschine drauflosgedruckt.
Wenn alle Seiten gedruckt waren, kamen die Helfer aus Burscheid und anderen Ortsgruppen des Ruhrgebiets zum Zuge. Wir haben zusammengelegt, gefaltet, geheftet, adressiert, einkuvertiert und frankiert, oft mit hübschen Sonderbriefmarken. Zum Schluss kam der Festmarsch zum Postamt: ab zum Versand.
Ab 1982 war's für mich einfacher: Da hatte die GEJ ihr Büro im Keller des Vereinslokals des Esperanto-Vereins Hamburg bezogen - unweit von meiner Wohnung. In Hamburg hieß unser Büro "Hamburga Administra kaj Presa Servo", abgekürzt HAPS.
Warst du der Chef? Was wolltest du mit der GEJ-gazeto erreichen?
Sozusagen war ich der Chef, ja. Und ich wollte, dass die GEJ-gazeto nicht nur ein nettes Mitteilungsblättchen ist, sondern sich auch als Forum für politische Diskussionen innerhalb der Esperanto-Bewegung anbietet, zum Beispiel für die Friedensbewegung. Damals, 1982, gingen ja Hunderttausende gegen neue Atomraketen auf die Straße, und in der GEJ-gazeto haben wir manchmal darüber diskutiert - aber in der GEJ-gazeto gab es auch viel Satirisches oder einfach Lustiges.
Habt ihr damals (1979-1984) auch versucht, die kune in die DDR zu verschicken? Gab's da Probleme?
Wenn ich mich richtig erinnere, haben wir immer auch ein Exemplar an die JS de CLE en KL de GDR geschickt, in der Charlottenstraße in Berlin-Mitte. Dieses typisch DDR-ische Abkürzungsmonster bedeutete: Junulara Sekcio de Centra Laborrondo Esperanto en Kultur-Ligo de GDR. Die Zeitung ist da wohl auch immer angekommen und brav archiviert worden, denke ich, aber sie wurde wohl nicht groß herumgereicht.
Ansonsten waren die Kontakte zu DDR-Esperantisten minimal, weil solche Kontakte von DDR-Seite behindert wurden. Aus der DDR durfte man auch erst 1989 zum IS.
Die Esperanto-Jugendtreffen in der DDR waren generell nur für Teilnehmer aus "soclandoj". Aus westlichen Ländern durfte man da gar nicht teilnehmen. Im Vergleich zu den anderen Ostblockländern war die DDR neben Rumänien und der Sowjetunion das strengste Land.
Einzige Ausnahme: Während der Leipziger Messe waren die Regeln nicht so streng. Da organisierten Espis in Leipzig immer ein Treffen, an dem auch Leute aus der "NSW" (nicht-sozialistischen Welt) teilnehmen durften. Ich war drei oder vier Mal dabei. Es war sehr schön, hochinteressant, nette Leute, aber harte Sitten.
Mit einem Kumpel hatte ich während eines solchen Treffens mal bei einem DDR-Espi-Freund privat übernachtet und nicht in dem offiziellen ejo. Der Freund hat später prompt Stress mit der Stasi gehabt.
Die GEJ-gazeto durften wir nicht nach Leipzig mitbringen, weil die DDR generell die Einfuhr von Zeitschriften "aus imperialistischen Staaten" verboten hatte. Es war schon komisch damals. Die DDR war für uns GEJ-Leute damals eine sehr fremde, kaum zu verstehende Welt, viel weiter von uns entfernt als Holland, Belgien, Frankreich oder Italien. Aber das ist ja nun seit 15 Jahren Geschichte.
An was erinnerst du dich aus deiner Zeit als Redakteur besonders?
Das beste war sicherlich der Text im verballhornten Esperanto (Karaj papo kaj mamo! ... La mano de la colo ŝtelis dumajn fragojn. ...) Wenn ich ehrlich bin - das lese ich heute manchmal noch einmal, weil's so schön war.
An was ich mich noch gerne erinnere: Die GEJ-gazeto war gerne brandaktuell. Einmal haben wir sogar die Offset-Maschine mit zum IS geschleppt und mitten unter den Teilnehmern die Zeitung gedruckt und fertig gemacht, und zwar am 29. Dezember 1983. Da haben wir dann sogar eine Wettervorhersage mit ins Blatt genommen, und zwar für den 30. Dezember 1983: 9 gradoj, pli da nuboj, foje pluvo. Nachts war die GEJ-gazeto fertig, in der diskejo haben wir gegen 3 Uhr die ersten Exemplare verteilt, beim Frühstück dann weitere Exemplare.
Bist du heute noch viel mit Esperanto beschäftigt? Hast du viel Kontakt zu Esperantisten? Was bedeutet Esperanto für dich?
Ich mache durchaus noch Esperanto, wenn auch nicht so super-aktiv. In den letzten Wochen habe ich geholfen, die Verleihung des Esperanto-Kulturpreises der FAME-Stiftung* über die Bühne zu bringen.
Außerdem spiele ich sehr sporadisch noch Theater auf Esperanto. Ich habe noch Kontakt zu einigen (inzwischen "alten") Freunden aus meiner aktiven GEJ-Zeit. Esperanto heißt für mich vor allem noch: Wenn ich im Ausland bin, kann ich wirklich Land und Leute kennen lernen, und nicht nur die Sehenswürdigkeiten des Landes.
Was machst du heute?
In erster Linie habe ich Familie: mit zwei kleinen Söhnen. Beruflich hat mich auch die GEJ-gazeto-Zeit in den Journalismus reingehievt. Ich arbeite in der Aktuell-Redaktion des Radiosenders SWR 1 (Südwestrundfunk). Eine schöne, abwechslungsreiche Arbeit.
Vielen Dank für das Interview und alles Gute für dich und deine Familie.

* Die FAME-Stiftung, ins Leben gerufen von Franz Alois Meiners, einem Esperantisten, verleiht alle zwei Jahre einen mit 5000 Euro dotierten Preis an Leute oder Gruppen, die sich in der Esperanto-Kultur besonders hervorgetan haben.

Stefa Hanisch, kune (ĉe) esperanto.de

Letzte Änderung: 2004-12-16